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Alea iacta est… eine kritische Würdigung von Christian Titz

Wer seine Zeit in ein Fanzine investiert, Vorberichte, Spielberichte und Kommentare rund um unseren RWE herum schreibt, möchte natürlich grundsätzlich seine Artikel veröffentlicht sehen. Hier ist das nicht ganz so. Denn dieser Kommentar hätte besser Offline bleiben sollen. Denn als RWE-Fan wünscht man sich irgendwann auch einmal Ruhe und Kontinuität auf dem Posten des Cheftrainers. Es kam mal wieder anders…

Als keine zwei Tage nach dem zugegeben sehr dürftigem RWE-Auftritt gegen den TuS Haltern erste Gerüchte durchsickerten, RWE-Chefcoach Christian Titz stünde kurz vor der Entlassung, war das ein echter Schlag. Von Zerwürfnissen zwischen dem Trainer und der Mannschaft sowie dem sportlichen Leiter Jörn Nowak war die Rede. Wer dann die Pressekonferenz vor dem Auftritt in Bonn erlebte, sah einen in der Tat angeschlagenen Christian Titz, der sich von der anwesenden Journaille ungewohnt kritische Fragen zu seiner Personalpolitik stellen lassen musste. Offenbar war auch dort bereits etwas durchgesickert. Beim sonntäglichen Auftritt in Bonn trotze das RWE-Team dann jedoch den Befürchtungen, die Saison sei abgeschenkt. Das 3:1 war keine fußballerische Offenbarung, aber ein engagierter und konzentrierter Auftritt. Doch nur dumme Gerüchte im Umlauf? Wer ein wachsames Auge auf den Platz warf konnte jedenfalls erkennen, dass Titz bei den Toren seltsam unbeteiligt wirkte. Auch der nur eingewechselte Oguzhan Kefkir, der zwei Tore per Standard vorbereitete, jubelte nicht darüber. Ötzi schien geknickt und sauer. Die Folgen eines Zerwürfnisses mit dem Chef?

Alea iacta est. Mittlerweile wurde die Trennung vollzogen. Die Corona-Krise, die auch das fußballerische Geschehen rund um die Hafenstraße quasi eingefroren hatte, zögerte die Entscheidung hinaus. Tatsächlich war das Tischtuch bereits vor dem besagten Spiel beim Bonner SC zerschnitten, Titz und RWE als Partner schon erledigt. Wie viele Spiele Titz als Chefcoach noch hätte betreuen dürfen, wäre der Spielbetrieb fortgesetzt worden, bleibt daher hypothetisch. Über die Bilanz des Trainers scheiden sich die Geister. Gefühlt überwiegt jedoch der Teil der Anhängerschaft, der sehr wütend und enttäuscht ist über die Entlassung. Es ist jedenfalls eine sehr umstrittene Scheidung von einem Trainer, unter dem RWE erstmals seit 7 Jahren auch nach der Winterpause im Rennen um den Aufstieg geblieben war. Die Verantwortlichen werden sich zu diesem Schritt nicht leichtfertig entschlossen haben. Es war zu erwarten, dass in den sozialen Medien eine Welle der Empörung herrscht. Vollkommen unverständlich sei die Trennung, so die kochende RWE-Volksseele. Für viele war der Trainer in der Tat Big Titz. Doch ist Schwarz-Weiß Sicht in dieser Personalie bei Rot-Weiss angebracht? Da man sich gut 3 Monate auf die Trennung von Titz vorbereiten konnte, war Zeit für den Versuch einer tiefergehenden Analyse, die zeigt, das Thema Titz ist sehr komplex.

Betrachten wir zunächst einmal die nackten Zahlen. Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast, auch hier zeichnet sich ein eher ambivalentes Bild des Cheftrainers.

In den 24 gewerteten RWE-Partien erzielte die Mannschaft unter dem EX-HSV-Coach 51 Zähler und einen Punkteschnitt von 2,13, nimmt man das später aus der Wertung gestrichene Match gegen die SG09 hinzu, erhöht sich die Punktausbeute auf 54 Zähler aus nun 25 Partien und der Schnitt betrüge 2,16. Besser war in der Regionalliga West seit dem Wiederaufstieg 2011 noch keine RWE-Mannschaft unterwegs. Dennoch liegen auch in dieser Statistik die größten Konkurrenten aus OWL zum Teil deutlich vor den Essenern. Der Punkteschnitt von Rödinghausen weist einen Wert von 2,42 auf, 63 Punkte hat die Mannschaft von Enrico Maaßen aus 26 Spielen geholt. Der SC Verl holte 53 Punkte aus nur 22 Partien, sein Punktewert beträgt 2,41 Zähler pro Spiel. Ergo sind die Rot-Weissen hier nur hinten dran und mussten daher auch in die Röhre schauen, als der Westdeutsche-Fußball-Verband den SC Verl zum Teilnehmer an der Relegation bestimmte, weil Rödinghausen ja bekanntlich schon vorher seine Ambitionen auf den Drittligaaufstieg begraben hatte.

Wirklich interessant sind die Bilanzen der ersten und zweiten Halbzeit. Man glaubt es kaum, aber wären die RWE-Partien nach 45 Minuten statt nach 90 Minuten abgepfiffen worden, hätten die Roten nach den 24 gewerteten Partien gerade einmal 21 Zähler geholt und wären ein Abstiegskandidat. Nur zweimal führten die einzig wahren Roten beim Pausentee. In der Wertung der zweiten Spielhälften wartet RWE hingegen mit satten 55 Zählern auf. Man sieht, die gesamte Ausbeute von 51 Zählern wurde im absoluten Schwerpunkt erst nach dem Halbzeitpfiff sichergestellt, stolze 16 Punkte holten sich die Essener durch Treffer, die erst nach der 80. Spielminute erzielt worden sind. Darunter diverse sehr emotionale Buden wie die jeweiligen 2:1 Siegtore in der sechsten Minute der Nachspielzeit gegen den BVB 2 sowie in Wuppertal. Im Heimspiel gegen Lippstadt wiederum benötigte Rot-Weiss erst ein Tor des Monats von Hamdi Dahmani, um endlich in Front zu gehen. In der Nachspielzeit rettete dann Jakob Golz per Kopf aus kürzester Distanz den Sieg.

Letztere Umstände führten des Öfteren dazu, dass die RWE-Anhänger extrem adrenalingeladen die Ränge verließen. War man aus den Vorjahren späte Gegentore und schmerzhafte Punktverluste fast aus Routine gewohnt, so zeigte die Spielzeit 2019/20 ein bis zur letzten Sekunde bissiges und griffiges RWE, welches sich das Glück des Tüchtigen erkämpfte. Vielleicht verstellte das den Blick für die vielen kritischen Dinge, die das Essener Spiel auch ausmachten. Denn umgekehrt zeigen diese Bilanzen, dass das fast stets als Favorit antretende RWE kaum einen Gegner deutlich dominieren und besiegen konnte. Diese Dominanz fand sich häufiger nur in der Ballbesitzstatistik wieder, weswegen dem neuen RWE-Fußball von Kritikern schon früh in der Saison das Etikett Ballgeschiebe verpasst worden war.

Als überragend dürfen die Moral und die Physis bezeichnet werden. Es muss jedoch auch zur Kenntnis genommen werden, dass die Konkurrenten aus Verl und vor allem Rödinghausen ihre Siege leichter erringen konnten und die Gegner teilweise förmlich überrannten. Mit 66 Toren stellt Rödinghausen den Paradesturm der Liga, Verl folgt mit 51 Toren aus gleich vier Partien weniger, die 43 RWE-Tore nehmen sich da bescheidener aus. Auch standen die Konkurrenten hinten deutlich dichter als die Essener und kassierten auch signifikant weniger Gegentore. Auch lautet die Devise keinesfalls immer alles oder nichts. Sowohl Verl als auch RWE haben 16 Siege errungen. Verl verdankt seinen Platz in der Aufstiegsrelegation daher auch dem Umstand, dass es deutlich schwieriger zu besiegen war als die Essener. Eine Pleite steht dort in der Wertung, Rot-Weiss erlitt deren 5, also ließ man auch hier 4 Zähler auf den Konkurrenten liegen.

Die Folge davon, die Essener liefen der Musik tabellarisch hinterher. Auf den klaren Rückstand angesprochen verwies Titz stets darauf, dass noch viele Spiele zu spielen seien und Verl das schwerste Restprogramm habe. Das stimmte soweit, nur wurde der Essener Coach durch den Saisonabbruch hier ausgehebelt, denn mit einem Male war gar kein Spiel mehr auszutragen, auch nicht das von vielen RWE-Anhängern zum Endspiel auserkorene Match in Verl selbst, das am 21.03 hätte über die Bühne gehen sollen. Corona kann man Christian Titz nicht anlasten, wohl aber einige dumme Punktverluste im Vorfeld des gesellschaftlichen und sportlichen Lockdowns. Die negativen Höhepunkte waren dabei die Spiele gegen die Tabellenkellerkinder Homberg (0:2) kurz vor Weihnachten und Haltern (1:1) Anfang März. Es wäre keine Zauberei gewesen beim Saisonstopp im März vor Verl zu stehen und der Aufstiegstraum hätte durchaus realisiert werden können. Fazit, RWE spielte unter Christian Titz gemessen an der Kaderqualität eine gute Zwei-Drittel-Saison, aber eben auch keine überragende.

Unter die letzte Kategorie fiel allerdings der Saisonstart, als die Essener aus 8 Ligapartien 22 der 24 möglichen Punkte holten und zudem den Westrivalen und ambitionierten Drittligisten Uerdingen aus dem Niederrheinpokal warfen. Zudem schien der Coach mit seinen Wechseln machen zu können, was er wollte. 11 Jokertore machten Titz in dieser Hinsicht fast schon zum Magier. Erst mit dem Heimspiel gegen den SC Verl, das RWE verdient aber zu hoch mit 1:4 in den Sand setzte, ging der Schuss nach hinten los. Zwei weitere Niederlagen in Serie folgten und bis zum Saisonstopp gelangen den Essenern nach dem Traumstart noch 32 Punkte von 51 möglichen Zählern. Doch geht die Demission des Coaches rein auf das Sportliche zurück? Die Hafenstraßenspatzen pfeifen anderes von den Dächern. Titz hat wohl nicht zuletzt ein nicht unerhebliches Problem mit Empathie und auch damit, dass RWE sich trotz großer Ambitionen weiterhin der wirtschaftlichen Seriosität verpflichtet sieht.

Doch der Reihe nach. Das fängt bei der Saisonplanung an. Diese startete noch unter Karsten Neitzel, bis dieser recht plötzlich gefeuert wurde. Angesichts einer wirklich schlechten Vorsaison war das nicht gänzlich überraschend, dennoch nahm man sich lange Zeit für diese Entscheidung. Fünf Spieler des neuen Kaders waren bis dato verpflichtet, allesamt Akteure der Kategorie „gestandener Spieler“. Dennis Grote, Alexander Hahn, Marco Kehl-Gomez, Jan Lucas Dorow und Felix Herzenbruch sind allesamt in der zweiten Hälfte der 20 anzusiedeln. Keiner erfüllte die U23-Regelung. Die RWE-Fans erwarteten zunächst, diese Tendenz würde sich fortsetzen, bis man dann als notwendige Kaderfüller jüngere Spieler verpflichten würde.

Nach der dann als sensationell empfundenen Vorstellung von Christian Titz, der sofort nach der Neitzel-Entlassung präsentiert worden war, stockten die Transfers zunächst. Bis zum jetzigen Zeitpunkt legte RWE dann aber insgesamt 12 Mal nach und stellte seinem neuen Chef davon gleich 8 Spieler zur Verfügung, die sogenannte U23-Spieler sind. Rot-Weiss setzte somit auf eine junge Mannschaft im Haifischbecken Regionalliga West. Akteure wie David Sauerland, Jonas Hildebrandt und vor allem Amara Condé stellen jedoch keine Lehrlinge dar, sondern bringen sofort die entsprechende Qualität mit. Titz hatte einen erlesenen Kader, mit dem man einfach oben mitspielen musste. Sicherlich aber auch nicht die absolute Übermannschaft, welche die Konkurrenz aus taktischen Gründen an der Hafenstraße auflaufen sah. Diese hätte Titz aber gerne gehabt. Dazu später mehr.

Einer der großen Kritikpunkte am Coach bleibt sein Umgang mit dem Personal. Hierin liegt wohl die größte Bruchstelle zwischen Titz und Team. Offensichtlich ist dabei die Personalpolitik auf dem grünen Rasen. Titz rotierte gerne und häufig. In der Startformation fanden sich nur ganze zwei Spieler des Kaders fast grundsätzlich immer. Abwehrrecke Alex Hahn stand mit einer Ausnahme stets zu Beginn auf dem Feld. Im Revierderby gegen RWO fehlte er wegen einer Gelbsperre. Linksverteidiger und Urgestein Kevin Grund wurde nur im Rückspiel gegen Lippstadt und gegen Haltern aus Verletzungsgründen nicht aufgeboten. Alle anderen Spieler fanden sich mindestens einmal aus Leistungsgründen nicht zu Beginn auf dem Feld, auch wenn sie zum Stammpersonal zählen. Amara Condé, David Sauerland, Daniel Heber, Kapitän Marco Kehl-Gomez, Jan-Lucas Dorow, Oguzhan Kefkir sowie der erst im Winter verpflichtete Jonas Hildebrandt sind dennoch Spieler, denen Titz sehr häufig vertraute. Heber machte unter ihm den Sprung vom wankelmütigen Rechtsverteidiger zur Abwehrsäule im Zentrum. Keeper Jakob Golz löste nach 10 Spielen als Essener Nummer 1 Marcel Lenz ab, der den verletzten Golz noch einmal beim Auftritt in Gelsenkirchen vertreten sollte.

Grundsätzlich hatte auch Titz somit sein Stammpersonal. Darüber hinaus waren seine Rotationen jedoch teilweise beträchtlich. Und nicht immer ganz nachvollziehbar. Der zu Saisonbeginn verletzte Enzo Wirtz spielte erstmals beim Derby in Oberhausen und markierte bei seiner Einwechslung binnen von 9 Minuten zwei Treffer, die Basis für den Sieg. Danach versank Wirtz wieder in der Versenkung der Tribüne und das obwohl RWE in vielen Spielen Chancenwucher betrieb. Öffentlich bereits ausgemustert kämpfte sich Enzo im spanischen Trainingslager nochmal zum Rückrundenstart zurück in die Essener Mannschaft, erhielt jedoch wieder nur wenige Chancen. Auch bei Mittelfeldroutinier Dennis Grote gab Titz Rätsel auf. Der erfahrene und abgeklärte Sechser war irgendwann in Ungnade gefallen und raus, obwohl er mit seiner aggressiven Präsenz im Zentrum nicht unwesentlich am starken Saisonstart beteiligt gewesen war. Es ließen sich weitere Spieler und Beispiele anführen. Kein unbedingter Vertrauensbeweis in sein Team waren auch die stetigen Blicke, die Titz fast fortwährend auf den Transfermarkt warf.

Quasi mitten in der Hinrunde verpflichtete RWE Erolind Krasniqui von der U23 des HSV, in der Jugend bereits ein Schützling von Titz. Dieser pries den 20-Jährigen als starken Vorbereiter, den Mann für den tödlichen Pass in die Spitze. Gemessen daran, dass RWE in diversen Spielen meist mehr als ein halbes Dutzend an Hochkarätern vor des Gegners Tor liegen gelassen hatte, waren die Essener Anhänger eher erstaunt, dass nicht ein „Vollstrecker“ gesucht wurde. Wunschspieler Krasniqui brachte es auf ein paar Einsätze, blieb aber im Schwerpunkt dem Spieltags-Kader fern. In der Winterpause bekam Titz nochmals drei Neue. Gefordert hatte der Coach noch ganz andere und sehr viel teurere Kaliber. Der Trainer wurde vom Verein darauf hingewiesen, dass die Zeiten vorbei seien, in denen Rot-Weiss Essen unkalkulierbare finanzielle Risiken fahre. Das mag Titz verärgert haben, vorlieb nehmen musste der dann mit Personalien, die für die Regionalliga West dennoch gehobenes Niveau zu bieten haben. Den flexibel einsetzbaren Jonas Hildebrandt, dem er dann tatsächlich auch nennenswertes Vertrauen schenkte.

Für den Sturm kam unmittelbar vor Schließung des Transferfensters Maximilian Pronichev von Herthas Zweiter. Der russische Angreifer hatte länger mit Verletzungen gekämpft, kam aber gemessen an seinen Einsatzminuten bei der alten Dame nahezu auf eine engelmannsche Torquote. Pronichev war erkennbar ein Gewinn für das rot-weisse Angriffsspiel, aber Titz wäre nicht Titz, wenn er einen Spieler nur da aufstellen würde, wo er seine Stammposition wähnt. Pronichev fand sich fortan weniger im Sturmzentrum wieder, sondern als Ballschlepper im offensiven Mittelfeld. Auch dort gelangen ihm zwei Treffer und eine Vorlage in den wenigen Spielen und Einsatzminuten bis zum Lockdown. Vielleicht muss man eben über die gewisse taktische Finesse alá Titz verfügen, um Spieler dort aufzustellen, wo man sie nicht erwartet. Wo sie vielleicht aber auch nicht so stark sind? Fragen, die ein Christian Titz sich nicht stellt.

Ein signifikantes Beispiel auch der dritte Neuzugang der Winterpause, der von Kaiserslautern ausgeliehene José Matuwila, der von Titz vehemente geforderte weitere linke Innenverteidiger. Als Vertreter des gesperrten Alex Hahn überragte Matuwila beim Derbysieg gegen RWO an der Hafenstraße und gewann gefühlt jeden Zweikampf. Beim folgenden Match gegen Lippstadt war es nachvollziehbar, dass Matuwila den verletzten Grund als Linksverteidiger ersetzen sollte. Warum er gegen Haltern dann auf der Bank saß, obwohl Daniel Heber im Zentrum verletzt war, blieb dann das große Geheimnis von Titz. Dort agierte nun auf einmal Philipp Zeiger, der sein erstes Spiel von Beginn an machte und keinen guten Eindruck hinterließ. Ein rasantes Personalkarussel erschien bei RWE nie ausgeschlossen. Auch Marcel Platzek rotierte stetig, mit ihm viele andere. Der Trainer übertreibe es damit, sagen kritische Stimmen. Der Trainer hält den Konkurrenzkampf hoch und jeden im Kader wach, meinten hingegen die anderen. Im Team schien das Ganze nicht unbedingt gut anzukommen. Im Grunde wusste kein Akteur, woran er mit dem Coach gerade ist.

Titz wusste zumindest immer, woran er mit Titz ist. Denn das, so sagen Kritiker, ist die einzige Person, der Titz vertraue und von der er sich Rat annehme. Wiederum wird deutlich, Pro-Titz-Argumente sind auch gleichzeitig Contra-Argumente. Ein so klares Spielsystem gab selten zuvor ein RWE-Trainer seiner Mannschaft. Klar und konsequent oder starr und unflexibel? Das hohe Torwartspiel, mit dem RWE zumindest zu Saisonbeginn aufwartete, kostete den Betrachter viel an Nerven. Titz verteidigte dieses jedoch energisch. Die an den Handball erinnernde Taktik, bei Ballbesitz quasi den Torwart zum zusätzlichen Feldspieler zu machen führte zwar nicht zu den von den Fans befürchteten vielen Gegentoren. Eines war jedoch besonders bitter. Denn ausgerechnet im Spitzenkampf gegen den SC Verl kassierte RWE innerhalb einer eigenen Drangphase nach einem Missverständnis zwischen Grote und Heber an der Mittellinie das vorentscheidende 1:3, als Verls Yildirim einen Fehlpass in das von Marcel Lenz verlassene RWE-Tor beförderte. Ansonsten kassierte man noch im Niederrheinpokal einen vergleichbaren Gegentreffer gegen Burgaltendorf, verschmerzbar bei einem letztlichen 9:1 Erfolg.

Hat die Taktik des hohen Torwarts ansonsten viel für das Essener Spiel gebracht? Im Grunde verpuffte der Schachzug und selbst Titz glaubte irgendwann nicht mehr daran und ließ den Torwart weiter hinten stehen. Grundsätzlich gab sich der ehemalige HSV-Trainer in Essen eher als beratungsresistent. Vor der Partie in Haltern sollen die Spieler den Coach nicht zum ersten Mal in dieser Saison ausdrücklich um taktische Flexibilität auf dem Feld gebeten haben, da der tiefe und schwer bespielbare Boden das bevorzugte Essener Ballbesitzspiel nur schwer zuließe. Titz schwor diesem jedoch nicht ab und Essen lieferte eine saumäßig schlechte Partie ab. Die Frage bleibt, ob der scheidende Coach seiner Mannschaft nicht auch des Guten zu viel abverlangt hat. Intensive Videoanalysen gehörten zum taktischen Speiseplan der Fußballküche Titz. Dennoch ist Fußball nicht gänzlich am Reißbrett planbar und taktische Rollen können Sicherheit verleihen aber ebenso auch Fesseln für die Akteure sein.

Titz in der Öffentlichkeit und Titz hinter den Vereinskulissen wurde häufig als eine Art Dr. Jekill und Mr. Hyde empfunden. Der bundesligaerfahrene Coach weiß auf der Klaviatur von Fans und Medien zu spielen. Jovial wies er bei seinem Auftritt beim Hüttenabend in der Melches-Hütte die Anhänger daraufhin, dass er der Christian sei. Volksnah, bescheiden und sympathisch. Seine Auftritte bei den Pressekonferenzen vor den Spielen und vor allem nach erfolgreichen waren stets beste Unterhaltung. Titz wusste auf eigentlich alles eine Antwort, war nie aus der Ruhe zu bringen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Titz in Sachen Kurzarbeitergeld RWE nur sehr langsam entgegengekommen ist. Im Gegensatz zu seiner Mannschaft, die das Angebot des Vereins geschlossen und früh akzeptierte. Titz begab sich von Anfang an gerne in die Außenseiterrolle, kam dem Verein ungern entgegen, auch zu Treffen mit Sponsoren, die letztlich nicht unwesentlich dafür sorgen, dass der Fußballlehrer in Essen allenthalben sehr gute Bedingungen vorfand, musste er meist nachdrücklich überredet werden. Zweifel an der tatsächlichen Volksnähe und Bescheidenheit von Titz sind jedenfalls angebracht.

Zur Erinnerung, als er beim Hamburger SV gehen musste, hieß es Titz habe die Rückendeckung im Verein gefehlt. Das schien nicht erstaunlich, sieht man sich in der Weltstadt Hamburg auch 37 Jahre nach dem Sieg im Europapokal der Landesmeister trotz sportlicher Tristesse im Grunde noch immer als Weltklub, der zuvor auch schon mit Thomas Tuchel verhandelte und einen Christian Titz von daher nicht als adäquaten Cheftrainer wahrnahm. Von daher ist der Ex-Coach für einige HSV-Fans noch immer ein Opfer, das an der Elbe schlecht behandelt worden ist. Womöglich zeigte Titz jedoch auch dort zumindest hinter den Kulissen, dass er nicht der liebe Onkel von nebenan an ist, als der er vordergründig wahrgenommen wird. In Essen wiederum fehlte ihm vielleicht ein größeres Stück weit die Bodenhaftung. Dass Essen und Titz sich nun endgültig getrennt haben ist dennoch ein Schock mit Vorankündigung, der noch länger in den Trikots hängen bleiben wird.

Mit dem großen zeitlichen Abstand, der seit den ersten Gerüchten über eine Entlassung des vom Umfeld sehr geschätzten Cheftrainers bekannt geworden sind, lassen sich diverse Dinge anders und weniger emotional analysieren. Es geht nicht vordergründig um persönliche Einstellungen und Meinungen, natürlich steht das Vereinswohl über allem. Aber Rot-Weiss Essen beschwor immer die große Einheit. Es gehe nur gemeinsam. Diese Aussagen Marcus Uhligs waren vor allem an die als ebenso euphorische wie als kritisch bekannte Anhängerschaft gerichtet. Während die Fans jedoch trotz sportlicher Rückschläge im Schwerpunkt wie ein Mann hinter der Truppe gestanden haben, bauten sich intern starke Differenzen auf. Von daher wirkt es für den Anhang wie ein Schlag ins Gesicht, dass man es hinter den Kulissen nicht verstanden hat, die Einheit zu bewahren.

Was bleibt ist ein sehr bitterer Nachgeschmack, denn vor Jahresfrist bestand die Hoffnung, RWE habe endlich einen Trainer gefunden, mit dem man länger erfolgreich zusammenarbeiten könne. Nach vorne zu schauen ist gar nicht so einfach. Die Verantwortlichen haben mit Titz einen Trainer verpflichtet, der größte Hoffnungen geweckt hatte. In Hamburg war er vielleicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als er Cheftrainer in der Bundesliga wurde, ohne im Seniorenfußball zuvor große Meriten erworben zu haben. Dennoch wird der Nachfolger sofort und unmittelbar an dem Mann gemessen werden, der für viele Anhänger, zu Recht oder zu Unrecht, noch immer Big Titz ist. Wer die Hafenstraße 97 A kennt weiß genau, der Druck zum Saisonstart, wann und wie auch immer er genau erfolgen wird, ist nochmal größer geworden. Die Fans werden nur durch unmittelbare und hoffentlich nachhaltige Erfolge zu beruhigen sein. Das hätte aber ebenso gegolten, wenn CT geblieben wäre. RWE ist auch ohne Titz weiter hoch ambitioniert, das zeigt allein die Verpflichtung von Torjäger Simon Engelmann. Die wichtigste Personalie, die des neuen Cheftrainers, sollte aber ebenfalls ein Treffer werden.

NUR DER RWE!

Sven Meyering